PERUANISCHE ANDEN

PERUANISCHE ANDEN

Wir freuen uns extrem als wir kurz vor der peruanischen Grenze auf unsere amerikanischen Freunde Leah und Karl treffen und beschliessen kurzerhand, die nächsten Tage gemeinsam durch die abgelegenen Berge im Norden von Peru zu fahren.

Eine schlechte Schotterpiste führt zunächst hinunter zum Grenzfluss zwischen Ecuador und Peru und wir erledigen die Ausreiseformalitäten auf der einen und die Einreiseformalitäten auf der anderen Seite der Brücke. Schnell bemerken wir, wie abgelegen sich die Grenzposten befinden, denn die Ausfuhr unserer Fahrzeuge wird wie früher per Festnetz-Telefon und nicht etwa per Internet in die Zentrale gemeldet. Auf der Peruanischen Seite hat dann der freundliche Beamte sichtlich Mühe, den brandneuen Computer mit dem Farbdrucker zu bedienen und nimmt gerne unsere Hilfe in Anspruch.

Die Fahrt an unserem ersten Tag in Peru führt uns entlang von Flusstälern und – etwas unerwartet – werden wir bei Sonnenuntergang von Moskitos geplagt und verbringen eine schwüle Nacht mit allen Fenstern so weit als möglich geöffnet. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass wir uns noch fast auf Meereshöhe, unweit vom Zugang zum Amazonas befinden was auch das tropische Klima erklärt.

SERPENTINEN ÜBER SERPENTINEN

Erst ab dem zweiten Tag ändert sich die Strecke schlagartig. Es beginnen die unzähligen Kurven, welche in den nächsten Tagen unsere ständigen Begleiter sein werden und wir fahren dabei immer höher hinauf in die Andenwelt. Die Ausblicke, wenn man eine Passhöhe erreicht hat hinunter ins nächste Tal sind spektakulär und fast so atemberaubend, wie die einspurigen (!) Serpentinen die in eben dieses Tal herunterführen. Bei Gegenverkehr führt dann das längere Rückwärtsfahren entlang dem Abgrund zu einem erhöhten Puls oder aber ein äusserst knappes Überhol-Manöver treibt einen den Angstschweiss auf die Stirn…

URSPRÜNGLICHE BERGDÖRFER

Die Route führt nicht nur durch tolle Landschaften, sondern wir lernen das Land Peru von seiner ursprünglichen Seite kennen. Wir passieren unzählige kleine Dörfchen, meistens mit einem pittoresken kleinen Dorfplatz auf dem sich Jung und Alt trifft und die wärmende Sonne geniesst. Es wird geschwatzt, Ware gehandelt und Frauen spinnen ihre Wolle oder stricken typische Bekleidung. Wir kommen ins Gespräch mit zwei Damen und drücken unsere Bewunderung für ihr Handwerk aus. Für sie «sei es nichts Besonderes, stundenlang den Faden herzustellen den sie dann verstricken». Allerdings, sagen sie uns, wird die Tätigkeit über kurz oder lang wohl aussterben da «die Jungen lieber an ihren Handys rumspielen als eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben» – irgendwie scheint die Zivilisationskrankheit auch hier angekommen zu sein… Ein anderer Brauch dagegen wird wohl noch lange seinen Fortbestand haben. Die Rede ist von den Meerschweinchen, die hier als absolute Delikatesse gelten und entweder aufgespiesst über dem Feuer rotierend oder mittig halbiert auf dem Grill gebraten und anschliessend genussvoll verzehrt werden. Viel zu süss finden wir die putzigen Kerlchen, wenn sie auf dem Markt feilgeboten werden als dass wir uns zu einer Kostprobe hinreissen lassen…

Eine andere Besonderheit die uns auffällt, ist die unglaubliche Variation von Kopfbedeckungen. In jeder Gegend variieren diese, einmal sind sie schlicht und flach, dann wieder ähneln sie eher einem Zauberhut und wieder zwei Tage später sind die breitkrempigen Exemplare der Damen mit bunten Blumen geschmückt. Eine wahre Pracht fürs Auge.

NATUR- UND KULTURWUNDER

Entlang der Strecke gibt es seit seiner Entdeckung durch einen Deutschen Entwicklungshelfer im Jahr 2006 auch den dritthöchsten Wasserfall der Welt zu bestaunen. Der «Gotca» Wasserfall ist unglaubliche 771 Meter hoch und wird nur vom «Salto Ángel» in Venezuela und den «Tugela Falls» in Südafrika übertroffen. Wir entschliessen uns, ihn in einer Tageswanderung komplett zu erkunden und unterschätzen neben der Distanz auch die zu überwindenden Höhenmeter vom Fusse bis nach oben. 😉

Ein weiteres Highlight gemäss unserem Reiseführer sollen die Ruinen von «Kuélap» sein. Es handelt sich um die Hauptstadt der Chachapoya-Kultur, die gemäss Überlieferung zwar durch die Inkas besiegt, jedoch deren Bevölkerung niemals vollständig unterworfen werden konnte. Die «Wolkenkrieger», wie die Menschen aufgrund ihres Zuhauses auf luftigen 3000 Meter auch genannt wurden, leisteten erbitterten Widerstand und waren berüchtigt für ihren Kampfgeist und ihre brutalen Rachefeldzüge. Wir besichtigen die Ruinenstadt mit ihrer imposanten Festungsmauer mit der brand-neuen Seilbahn welche durch ein französisches Unternehmen aus Grenoble gebaut wurde und fühlen uns bei deren Benutzung fast etwas in ein Bergdorf zuhause in Europa zurückversetzt. 😊 Den anpreisenden Worten unseres Reiseführers nach dessen es sich um einen mit dem «Machu Picchu» vergleichbaren Ort handeln soll, können wir allerdings nicht so recht zustimmen… Interessant finden wir hingegen die Begräbniskultur dieser Zivilisation. Die Toten werden nämlich mumifiziert und in einer sitzenden Position, mit Tücher umwickelt, in Felsgräber an Steilwänden oder in Tonkrügen begraben. Wir machen uns auf und erkunden einige dieser Stätten und finden neben aufgebrochenen Gräbern tatsächlich auch menschliche Überreste…

DIE SCHWEIZ DER ANDEN

Leider müssen wir uns dann auf halber Strecke von unseren Freunden verabschieden, da sie aufgrund eines Ölverlustes am Fahrzeug auf direktem Weg zurück an die Küste in die nächst grössere Stadt in eine Werkstatt fahren müssen. ☹ Wir aber bleiben in den Anden und folgen den kurvigen Pisten weiter bis in den bei Bergsteigern berühmten «Huascarán» Nationalpark nahe der Stadt Huaraz. Von dort starten wir diverse Wander-Touren durch die Peruanische Schweiz wie diese Gegen wegen ihrer imposanten Berge auch genannt wird. Eine davon führt uns vorbei an der wunderschönen «Laguna Paron», hoch hinaus an den Fuss eines Gletschers. Wir spüren die dünne Luft und kämpfen uns heftig atmend auf fast 5000 Meter über Meer von wo der Weg nur noch mit alpiner Ausrüstung weiter geht. Nachts sinken die Temperaturen auf dieser Höhe unter den Gefrierpunkt und deshalb wollen wir bei Sonnenuntergang zurück in unserem gut isolierten Zuhause sein. Also geniessen wir den 360-Grad-Blick auf gleich sieben Gipfel die alle über 6000 Meter hoch sind und vespern unsere mitgebrachten Sandwiches bevor wir uns auf den Rückweg machen.

Auf einem zwei-tätigen Loop testen wir dann einmal mehr die Zuverlässigkeit unseres Land Cruisers und überqueren zwei weitere Andenpässe nahe der 5000-Meter Grenze, nicht ohne den entsprechenden Qualm und Dampf wie wir es bereits von unseren Vulkan-Touren aus Ecuador kennen 😊 Entschädigt werden wir mit türkisfarbenen Bergseen und tollen Blicken in die Andenwelt.

RIESIGE PFLANZEN UND SCHMELZENDE GLETSCHER

Fast einen Monat sind wir im bergigen Norden von Peru unterwegs und als Abschluss besuchen wir den «Pastoruri-Gletschter» der – wie könnte es auch anders sein – erneut über der 5000-Meter Grenze liegt. Auf dem Weg dahin treffen wir auch zum ersten Mal auf die äusserst imposante «Puya-Raimondii»-Pflanze die nur in Höhen zwischen 3500 und 4500 Meter wächst. Die Riesenbromelie sieht in den ersten paar Jahren ihres Lebens nicht sonderlich speziell aus, auf einem Schild erfahren wir aber, dass die Pflanze jahrzehntelang ständig weiterwächst um dann nach über 100 Jahren einmal einen bis zu 10 Meter hohen Blütenstängel mit geschätzten 20’000 Blüten hervorbringt, bevor sie anschliessend abstirbt und vertrocknet. Wir haben tatsächlich auch das Glück, das äusserst seltene Spektakel einer «Puya-Raimondii» in voller Blüte bewundern zu können!

Später auf dem Rundwanderweg zur Gletscherlagune zeigen dann weitere Hinweisschilder mehr als deutlich den Rückgang des Gletschers während der letzten 40 Jahre. Einmal mehr auf unserer Reise werden wir hautnah mit den Konsequenzen des Klimawandels konfrontiert und es macht uns wütend, dass einige Politiker eben diesen immer noch abstreiten. ☹

Nun aber genug der moralischen Gedankenanstösse, wir verlassen die Anden vorerst und stürzen uns fast wortwörtlich hinunter an die Küste und ins Grossstadtleben von Lima.

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